In den vergangenen Monaten spüren wir in unserer Physiotherapiepraxis eine Veränderung, die uns nachdenklich macht.
Wir erleben vermehrt Situationen, in denen der Umgangston – sowohl am Telefon als auch im direkten Kontakt – rauer geworden ist. Sie geben sich keine Mühe, Sie sind nie zu erreichen oder Bei Privatpatienten geht es ja gleich sind Aussagen, die teilweise nicht nur unzutreffend sind, sondern auch belastend – beruflich wie menschlich.
Daher möchten wir diesen Beitrag nutzen, um einige Hintergründe darzulegen – über aktuelle Entwicklungen, unsere Arbeitsweise und die Rahmenbedingungen in der Physiotherapie.
Ein gesellschaftliches Phänomen – auch bei uns spürbar
Unsere Wahrnehmung ist kein Einzelfall, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die Respektlosigkeit, Aggressivität und Gewalt gegenüber medizinischem Personal hat in den letzten Jahren zugenommen.
Eine Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung aus dem Jahr 2024 zeigt, dass insbesondere verbale Gewalt weit verbreitet ist. Fast 80 % der befragten ÄrztInnen, PsychotherapeutInnen, medizinischen Fachangestellten und Beschäftigten anderer Gesundheitsberufe gaben an, dass Beleidigungen, Bedrohungen und Beschimpfungen ein großes Problem darstellen. Innerhalb des letzten Jahres wurden 80 % der Befragten bei ihrer Tätigkeit verbal angegriffen – 10 % wöchentlich oder täglich. Auch die körperliche Gewalt gegenüber medizinischem Personal nimmt zu, wenn auch seltener: knapp 60 % der Befragten wurden bereits angegriffen oder körperlich bedroht. Die Gewalt findet nicht nur vor Ort statt, sondern auch am Telefon und online.
Die Landesärztekammer Baden-Württemberg berichtet zudem von einem Anstieg sexualisierter und digitaler Gewalt.
Einer Untersuchung des Marburger Bundes zufolge geht die Gewalt hauptsächlich von PatientInnen aus (75 %), gefolgt von Angehörigen oder Bekannten der PatientInnen (52 %).
Die zunehmenden Angriffe bleiben […] nicht folgenlos: Zahlreiche Ärzte, Psychotherapeuten und Praxismitarbeitende berichten, dass der Beruf keinen Spaß mehr mache und es noch schwieriger werde, gutes Personal zu halten oder zu gewinnen.
Kassenärztliche Bundesvereinigung
Herausforderungen im Gesundheitswesen
Der Gesundheitsbereich – insbesondere die Physiotherapie – steht vor Herausforderungen:
- Fachkräftemangel: In der Physiotherapie fehlen über 11.500 Fachkräfte.
- Demografischer Wandel: Die Bevölkerung wird älter und damit steigt der Bedarf an Dienstleistungen im Gesundheitswesen – auch in der Physiotherapie. Zudem scheiden viele erfahrene Therapeut:innen altersbedingt aus.
- Chronische Erkrankungen führen zu mehr und intensiveren Behandlungsverläufen.
Das bedeutet: Die Zahl der PatientInnen wächst schneller als die Zahl der verfügbaren TherapeutInnen. Diese Entwicklung betrifft nicht nur unsere Praxis, sondern ist bundesweit spürbar. Weitere Informationen lesen Sie hier Fachkräftemangel in der Physiotherapie.
Ein Blick in unsere Praxis
Unsere Praxis ist eine Bestellpraxis. Das bedeutet: Alle Termine sind vorab für eine feste Dauer vereinbart. Das stellt sicher, dass jedem Patienten und jeder Patientin genügend Zeit entsprechend der Heilmittelverordnung zur Behandlung zur Verfügung steht und verkürzt die Wartezeiten für Patientinnen und Patienten. Spontane (zusätzliche) Termine sind daher leider nicht möglich.
Um dennoch möglichst flexibel zu bleiben, führen wir eine Warteliste. Sollten Termine (aufgrund von Krankheit, anstehenden Operationen oder Rehaufenthalten) abgesagt werden, bieten wir diese Termine umgehend anderen PatientInnen an. So nutzen wir unsere Kapazitäten effizient – und können Ihnen auf diese Weise meist frühere Behandlungstermine ermöglichen. In diesem Zusammenhang bitten wir alle PatientInnen, Termine rechtzeitig abzusagen, damit wir diese schnellstmöglich weitervergeben können. So unterstützen Sie nicht nur uns bei der Organisation und Planung, sondern auch andere Menschen, die auf eine Behandlung warten.
Unsere Terminvergabe richtet sich nach Verfügbarkeit, Therapiefrequenz, Dringlichkeit und, soweit möglich, individuellen Wünschen. Der Versicherungsstatus ist nicht ausschlaggebend für die Terminvergabe. Unser Anspruch ist es, jedem Patienten und jeder Patientin die bestmögliche Therapie zu ermöglichen.
Dass Termine manchmal schwer zu bekommen sind, liegt nicht an fehlendem Willen unsererseits – sondern an begrenzten Ressourcen. Sollten Sie uns z. B. per Telefon nicht direkt erreichen, dann oft deshalb, weil wir gerade einem Patienten oder einer Patientin in der Praxis unsere volle Aufmerksamkeit schenken.
Miteinander statt Gegeneinander
Wir arbeiten jeden Tag dafür – und wünschen uns – dass unsere Praxis ein Ort ist (und bleibt), an dem respektvoll miteinander umgegangen wird. Ein Ort, an dem zugehört wird und an dem wir auf Augenhöhe miteinander arbeiten können.
Es ist vollkommen verständlich, dass viele nicht wissen, wie die Abläufe in einer physiotherapeutischen Praxis organisiert sind, was im Hintergrund geplant werden muss oder wie viele Personen daran beteiligt sind, dass der Praxisalltag reibungslos funktioniert.
Wir können den Ärger und Unmut oftmals sehr gut nachvollziehen. Feedback und Kritik sind wichtig und willkommen. Wir hören zu, nehmen Anregungen ernst und versuchen, daraus Verbesserungen für unsere Praxis abzuleiten. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir klare Grenzen setzen. Aus Verantwortung für unser Team, unsere individuelle Arbeitskraft und nicht zuletzt die Qualität Ihrer Therapie.
Trotz aller Herausforderungen lieben wir, was wir tun. Es gibt so viele wertvolle Begegnungen. Menschen, die DANKE sagen, die Verständnis zeigen, die mit uns lachen oder ihre Fortschritte mit uns feiern. Wir sind dankbar für die vielen Menschen, die uns mit Freundlichkeit und Verständnis begegnen und uns in unserem Praxisalltag unterstützen.
Weitere Informationen und Hintergründe finden Sie hier:
Befragungsergebnisse Gewalt in Praxen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
Deutsches Ärztblatt: Ärzte erleben häufig Gewalt am Arbeitsplatz
Marburger Bund: MB-Monitor 2024 – Ergebnisse der Mitgliederbefragung
SWR Aktuell: Beleidigt, bedroht, zugeschlagen: Gewalt gegen Ärzte in BW nimmt zu
